Wir beurteilen andere Menschen oft falsch und vorschnell. Schuld daran sind der "Halo-Effekt" und sein Gegenspieler, der gleich starke aber unbekanntere "Horn-Effekt".
Dabei handelt es sich um einen psychologischen Wahrnehmungsfehler, bei dem ein einzelnes Merkmal einer Person so dominant wirkt, dass andere Eigenschaften untergehen.
Im positiven Fall, also beim "Halo-Effekt" profitieren die Menschen davon. Ein Beurteilungsfehler bleibt es dennoch. Es entsteht ein guter und dominant-subjektiver erster Eindruck, der objektiv aber nicht stimmen muss. In der Sozialpsychologie spricht man heute auch von einer „kognitiven Verzerrung“.
Das englische Wort „halo“ bedeutet „Heiligenschein“. Deshalb wird der "Halo-Effekt" manchmal auch mit "Heiligenschein-Effekt" oder "Überstrahlungseffekt" übersetzt. Ein besonders positives und markantes Merkmal überstrahlt alle anderen und erzeugt bei der Zielperson eine Art Heiligenschein.
Beobachtet wurde das sozial-psychologische Phänomen bereits 1907 von Frederic L. Wells. Namentlich eingeführt hat den "Halo-Effekt" später der amerikanische Verhaltensforscher Edward Lee Thorndike.
Während des Ersten Weltkriegs untersuchte Thorndike, wie Vorgesetzte ihre Untergebenen beurteilen. Für seine Studie bat er Offiziere, ihre Soldaten nach bestimmten Gesichtspunkten zu bewerten: Intelligenz, Kondition, Führungsqualitäten, Charakter usw. Es stellte sich heraus, dass Offiziere gutaussehende Soldaten mit aufrechter Körperhaltung besser beurteilten und ihnen besonders gute Charaktereigenschaften, Führungsqualitäten und Intelligenz unterstellten.
Der "Halo-Effekt" tritt besonders stark unter Zeitdruck auf – vor allem, wenn wir nur wenige Informationen über eine Person haben, also vornehmlich beim Erstkontakt und ersten Kennenlernen. Diese erste Einschätzung basiert so gut wie immer auf unterstellten Eigenschaften, die wir aus wenigen Signalen ableiten und der Person andichten.
Auch wenn das Gesamtbild beim "Halo-Effekt" positiv ist, bleibt es ein Beurteilungsfehler sowie ein vorschnelles und damit potenziell falsches Urteil, was dazu führen kann, dass wir uns von einem Blender täuschen lassen oder von dem Menschen enttäuscht werden, den wir zuvor auf einen viel zu hohen Sockel gestellt haben.
Die unmittelbare "Freund-Feind-Erkennung" ist ein Ur-Überlebensinstinkt von uns. Bei jedem neuen Kontakt machen wir uns binnen Sekunden ein Bild von unserem Gegenüber und ordnen die Person in soziale Kategorien ein: nett, unsympathisch, attraktiv, schlau, kompetent. In der Regel passiert das spontan und unbewusst. Und überwiegend handelt es sich dabei um Stereotype, Vorurteile und klischeehafte Denkmuster.
Trotzdem ist die oberflächliche Einschätzung sinnvoll. Würden wir die vielen Reize und Sinneseindrücke nicht filtern, würden wir wahnsinnig werden. Dafür sind sie zu komplex. Also reduziert das Gehirn die Informationen und ordnet sie vorhandenen Mustern (Schubladendenken) zu. So wird Komplexität vereinfacht.
Der Haken daran: Wir sehen die Welt und die Menschen nicht, wie sie wirklich sind, sondern wie wir sind. Unsere Erfahrungen, Interpretationen und Vorurteile trennen so unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit.
Studien belegen den Einfluss des Halo-Effekts selbst im juristischen Kontext und zeigen, dass äußere Merkmale einer Person die Wahrnehmung anderer Eigenschaften (z. B. Schuld oder Unschuld sowie die Höhe einer verhängten Strafe) beeinflussen können. In verschiedene Studiendesigns wurde der Einfluss der physischen Attraktivität untersucht.
Die Ergebnisse weisen auf die Gefährdung der Neutralität juristischer Entscheidungen hin.
Die Studie “Natural Observations of the Links between Attractiveness and Initial Legal Judgments” von 1991 untersuchte den Zusammenhang zwischen der Attraktivität der Angeklagten und der Höhe verhängter Geldstrafen vor Gericht.
Die Studie unterschied zwischen kleineren und größeren Delikten. Kapitalverbrechen wurden ausgeschlossen. Die Attraktivität der Angeklagten wurde vor der Urteilsfindung von unabhängigen Beobachtern bewertet.
Die Studie zeigte, dass attraktivere Angeklagte bei kleineren Delikten erkennbar niedrigere Geldstrafen erhielten als weniger attraktive Angeklagte. Bei schwereren Delikten hingegen konnte kein Einfluss der Attraktivität auf die Strafhöhe festgestellt werden.
Die Ergebnisse dieser Studie zeigten auch, dass attraktivere Frauen seltener verhaftet und verurteilt werden als weniger attraktive Frauen, während bei Männern kein solcher Zusammenhang festgestellt wurde. Attraktivität hatte gleichzeitig allerdings keinen Einfluss auf die Entscheidung zwischen Bewährungsstrafen oder Inhaftierungen.
Aufgrund der begrenzten Generalisierbarkeit auf schwerwiegende Straftaten und der subjektiven Attraktivitätsbewertung wird die Studie allerdings kritisch betrachtet.
Der ehem. Havard Professor Phil Rosenzweig hat untersucht, wie der Erfolg von Unternehmen in der Fachpresse bewertet wird. Wenn ein Unternehmen hohe Gewinne erzielt, werden die charakteristischen Eigenschaften des Unternehmens als Erfolgsfaktoren präsentiert. Wenn dasselbe Unternehmen später wegen eines geänderten Marktumfeldes oder stärkerer Konkurrenz in die Verlustzone rutscht, werden die gleichen Eigenschaften aus einem anderen Blickwinkel gesehen und als Ursache für den Rückgang des Umsatzes herangezogen.
So wird beispielsweise der ehemalige Erfolgsfaktor „flache Hierarchien und Entscheidungsfreiheit der Mitarbeiter“ plötzlich als „Wildwestkultur“ beschrieben, in der jeder sein eigenes Ding gedreht hat. Hier ist also das aktuelle Geschäftsergebnis die Eigenschaft, die die weitere Wahrnehmung überstrahlt.
Das häufigste Beispiel für den Halo-Effekt stammt aus der Bewerbung beziehungsweise dem Vorstellungsgespräch.
Stell dir einen Kandidaten vor, der besonders hochwertig gekleidet ist, gute Manieren hat und sich gewählt ausdrücken kann. Sofort erscheint er den meisten Personalentscheidern als besonders kompetent und qualifiziert. Hohe Gehaltsvorstellungen werden deshalb als realistisch eingestuft und häufiger akzeptiert.
Dabei handelt es sich nur um den äußeren Schein. Kleider machen eben Leute. Und eine gewählte Ausdrucksweise macht sofort sympathischer. Über die tatsächliche Eignung sagt das zu dem Zeitpunkt aber noch gar nichts aus.
Was hier wirkt, ist allein der Halo-Effekt. Fast immer schließen wir anschließend von diesen Merkmalen auf den Charakter, die Intelligenz oder Leistungsfähigkeit der Person.
Ganze Wirtschaftszweige, wie etwa die Kosmetik-Industrie oder Modebranche, könnten ohne den Halo Effekt kaum existieren.
Weitere Beispiele für den Halo-Effekt:
Tadaa!! Und schon sind wir beim gegenteiligen Effekt. Der "Horn-Effekt" (auch „Teufelshörner Effekt“) ist ebenfalls ein kognitiver Überstrahlungseffekt. Auch er verzerrt die Wirklichkeit und verleitet dazu, eine einzelne, diesmal negative, Beobachtung zu verallgemeinern. Auch der "Horn-Effekt" führt dazu, dass ein einziges negatives Merkmal einer Person von uns überbewertet wird und damit das Gesamturteil über die Person oder deren Kompetenz negativ beeinflusst.
Das Gemeine am Halo- oder Horn-Effekt aber ist, dass seine Fehleinschätzung kaum bemerkt wird. Und selbst wenn: Wir können den Wahrnehmungsfehler intellektuell noch so sehr begriffen und verinnerlicht haben, beim nächsten Mal trübt er doch wieder unser Urteilsvermögen.
„Never judge a book by its cover“ ,beurteile ein Buch niemals nach seinem Umschlag, lautet zwar ein kluger Rat. Wir machen es aber trotzdem ständig. Bei Büchern wie bei Menschen.
Um den Halo-Effekt vermeiden zu können, empfehlen Experten, die eigene Wahrnehmung zu sensibilisieren, mehr Selbstreflexion zu üben und die Merkmale einer Person jeweils einzeln zu beurteilen. Also nicht von einem überstrahlen Merkmal auf einen Gesamteindruck zu schließen.
Ausschließen lassen sich Beurteilungsfehler trotzdem nie. Dafür bleiben Menschen zu anfällig für Manipulationen. Der Halo-Effekt wie auch sein Gegenteil, der Horn-Effekt, sind ein Automatismus, der auf unserer Liebe zu Stereotypen basiert, die alles überstrahlt.
Quelle: Wikipedia.org, karrierebibel.de
In diesem Sinne, riskiere gerne erst noch einen zweiten und dritten Blick, bevor du dir ein Urteil bildest.
Viele Dank fürs Lesen und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.