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Lernen am Modell

Richard Petersen • 14. März 2025

Wie Kinder aggressives Verhalten erlernen

Das "Bobo-Doll-Experiment" gehört ganz sicher zu den bekanntesten psychologischen Studien überhaupt und hat unser Verständnis darüber, wie Kinder lernen, sich zu verhalten, tiefgreifend beeinflusst.

Das Experiment hat uns nicht nur gezeigt, wie Kinder aggressives Verhalten übernehmen können, sondern auch, wie wichtig es ist, welche Vorbilder sie um sich haben. Und genau das ist auch heute noch ein wichtiges Thema, besonders wenn es um die Wirkung von Medien auf Kinder geht.

Aber was genau passierte bei diesem Experiment und warum ist es immer noch so spannend?


1961 hatte der kanadische Psychologe Albert Bandura eine ziemlich gewagte Idee. Er wollte herausfinden, ob Kinder aggressives Verhalten lernen können, nur weil sie es von anderen sehen – und nicht durch eigene Erfahrungen oder Bestrafungen. Zu der Zeit dachte man nämlich eher, dass Kinder nur durch direkte Konsequenzen wie Strafen oder Belohnungen lernen.

Bandura hingegen hatte die Theorie, dass Kinder auch durch Beobachtung von anderen, sei es in echt oder in den Medien, Verhaltensweisen übernehmen. Das nannte er „Modelllernen“.


Für sein Experiment an der Stanford University brauchte Bandura ein auffälliges Spielzeug: die Bobo-Puppe.

Das war eine aufblasbare, etwas unförmige Clown-Puppe, die nicht bedrohlich wirkte – aber das war genau der Punkt. Diese Puppe sollte die Reaktionen der Kinder aufzeigen.

72 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren wurden für das Experiment ausgewählt. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt:


  1. Die Gruppe der „aggressiven Beobachter“: Hier sahen die Kinder einen Erwachsenen, der ziemlich wütend auf die Bobo-Puppe einprügelte – er trat sie, schlug sie mit einem Hammer und rief Dinge wie: „Du Miststück!“
  2. Die Gruppe der „friedlichen Beobachter“: Diese Kinder beobachteten einen Erwachsenen, der ganz friedlich und freundlich mit der Puppe spielte – ganz ohne Aggression.
  3. Die Kontrollgruppe: Diese Kinder spielten einfach mit Spielzeug, ohne vorher einen Erwachsenen zu beobachten.


Danach durften alle Kinder selbst in einem Raum mit verschiedenen Spielzeugen, inklusive einer Bobo-Puppe, spielen – und dann schauten Bandura und sein Team ganz genau hin, was die Kinder so machten.


Die Ergebnisse waren bemerkenswert und lieferten starke Beweise für die Theorie des Modelllernens.

Die Kinder, die den Erwachsenen bei deren aggressiven Verhalten zugesehen hatten, nahmen das Verhalten sofort auf und schlugen, traten und warfen die Puppe genauso wie sie es gesehen hatten. Einige Kinder gingen sogar so weit, die gleichen aggressiven Sprüche nachzuplappern!

Die Kinder, die den friedlichen Erwachsenen beobachtet hatten, waren deutlich ruhiger und spielten viel freundlicher mit der Puppe.

Ein besonders spannender Punkt: Auch Kinder, die während der Beobachtung keine aggressiven Reaktionen zeigten, fingen an, aggressiv zu werden, sobald sie mit der Puppe allein waren. Sie ahmten also nicht nur direkt das Verhalten nach, sondern machten es auch, weil sie keine negativen Konsequenzen befürchteten.

Das Verhalten der Kinder aus der Kontrollgruppe war weitgehend nicht-aggressiv. Sie spielten in der Regel ruhig mit der Puppe, ohne sie zu schlagen oder zu treten, was darauf hinweist, dass sie aggressives Verhalten nicht aus eigenem Antrieb heraus zeigten.


Das "Bobo-Doll-Experiment" hatte eine riesige Auswirkung auf die Psychologie und die Erziehungswissenschaften bis in die heutige Zeit. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse:


  1. Modelllernen: Bandura hat gezeigt, dass Kinder nicht nur durch Strafen oder Belohnungen lernen, sondern auch, indem sie einfach anderen zuschauen. Sie ahmen das Verhalten von Erwachsenen nach, vor allem wenn sie keine negativen Folgen sehen.
  2. Aggression und Medien: Das Experiment zeigte, wie stark Mediengewalt das Verhalten von Kindern beeinflussen kann. Wer gewalttätige Dinge im Fernsehen oder in Videospielen sieht, könnte dazu angeregt werden, dieses Verhalten selbst zu zeigen. Ein Thema, das heute noch heiß diskutiert wird, besonders wenn es um die Auswirkungen von gewalthaltigen Spielen geht.
  3. Vorbilder sind entscheidend: Wenn Kinder sehen, wie Erwachsene sich verhalten – ob freundlich oder aggressiv – ahmen sie das nach. Deshalb sind Eltern, Lehrer und andere Erwachsene wichtige Vorbilder. Was sie tun, haben die Kleinen oft im Handumdrehen übernommen.


Trotz seines Erfolgs gab es natürlich auch Kritik. Einige sagten, das Experiment sei nicht unbedingt realitätsnah, weil die Kinder in einer künstlichen Umgebung und mit einer besonderen Puppe spielten. Andere meinten, dass die Kinder vielleicht nicht wirklich aggressiv waren, sondern einfach das Verhalten nachahmten, das sie von den Forschern erwartet hatten.

Aber Bandura ließ sich davon nicht entmutigen. In späteren Arbeiten erweiterte er seine Theorie des sozialen Lernens weiter und zeigte, dass Kinder auch durch das Beobachten von Belohnungen und Bestrafungen bei anderen lernen – was wir heute als „Beobachtungslernen“ oder „kognitives Lernen“ kennen.


Das "Bobo-Doll-Experiment" hat die Psychologie revolutioniert. Heute wissen wir, dass Menschen, besonders Kinder, viel mehr durch das Beobachten von anderen lernen als durch eigene Erfahrungen oder Strafen. Diese Erkenntnis hat nicht nur Auswirkungen auf die Pädagogik, sondern auch auf die Medienpsychologie. Wie beeinflusst zum Beispiel Gewalt in Filmen oder Spielen das Verhalten von jungen Menschen?


Das "Bobo-Doll-Experiment" bleibt ein Klassiker der Psychologie und zeigt uns, wie stark Kinder durch Beobachtung lernen – insbesondere aggressives Verhalten. Es erinnert uns daran, wie wichtig es ist, dass wir als Erwachsene gute Vorbilder sind und dass wir uns bewusst sein sollten, welchen Einfluss Medien auf junge Menschen haben können.

 

Bandura hat uns gelehrt, dass Lernen nicht immer nur durch eigene Erfahrungen passiert – manchmal reicht es schon, einfach zuzuschauen. Und das kann ganz schön mächtig sein!


In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,

Richard


P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.

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