Scham wird als unangenehme, negative Emotion beschrieben, die auftritt, wenn wir uns anders verhalten, als es von uns gesellschaftlich erwartet wird, wenn wir bestimmten Ansprüchen nicht gerecht werden oder den Werten unseres sozialen Umfeldes nicht entsprechen. Sie kann auch entstehen, wenn jemand in unsere Privatsphäre eindringt – aber ebenso, wenn wir die Grenze einer anderen Person überschreiten.
Scham entsteht grundsätzlich durch Interaktionen mit anderen Menschen. Wenn wir völlig isoliert aufwachsen würden, wäre es uns vermutlich egal, ob wir nackt herumlaufen, laute Geräusche von uns geben oder Selbstgespräche führen. Wir wären auch weniger besorgt über unser äußeres Erscheinungsbild, da niemand uns bewerten würde.
In einer zivilisierten Gesellschaft ist das jedoch anders.
Zum einen entwickeln wir ein natürliches Schamgefühl, wie etwa das Bedürfnis nach Privatsphäre oder den Wunsch, unseren Körper zu bedecken. Zum anderen übernehmen wir Schamgefühle von unserem sozialen Umfeld. Faktoren wie Erziehung, Gesellschaft und Kultur spielen eine entscheidende Rolle dabei, welches Verhalten als unangemessen angesehen wird und Scham hervorruft.
Scham ist ein universelles menschliches Gefühl, das oft mit unserer Intimsphäre und Nacktheit zu tun hat, uns aber auch davor bewahrt, in die Privatsphäre anderer einzudringen. Dieses Gefühl entsteht nicht von Geburt an, sondern entwickelt sich im zweiten bis dritten Lebensjahr.
Die ersten Schamgefühle können durch die kritische Reaktion von Eltern auf Fehlverhalten, durch Bloßstellungen vor anderen oder durch unangenehme Situationen entstehen, in denen ein Kind zu etwas gedrängt wird, was es als unangenehm empfindet.
Hinter der Scham steckt oft die Angst:
Was wir als beschämend empfinden, lernen wir von unserem sozialen Umfeld. Einerseits durch die Erziehung, die uns vermittelt, welches Verhalten inakzeptabel ist, andererseits durch den Einfluss von Freunden, Verwandten, Kollegen und Bekannten.
In der Pubertät, wenn sich unser Körper verändert und wir nach unserem Platz in der Gesellschaft suchen, schämen wir uns oft für vieles: Akne, Zahnspangen, Veränderungen im Körperbau.
Später im Erwachsenenalter schämen wir uns womöglich für die Kleidung, die wir als Teenager trugen. Unser Schamgefühl ist also einem ständigen Wandel unterworfen und kann bewusst beeinflusst werden.
Chronische Scham kann auch als Folge von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit entstehen. Besonders Frauen fühlen sich häufig für erlebte Gewalt verantwortlich und schämen sich für Übergriffe. Dabei ist es die Verantwortung der Täter, sich für ihr Fehlverhalten zu schämen, nicht die der Opfer.
"Die Scham muss die Seite wechseln" (Giséle Pelicot)
Im Vergewaltigungsprozess von Avignon (Frankreich) 2024 wurde Giséle Pelicot zur Heldin für Opfer von sexualisierter Gewalt. Sie setzte durch, dass ihre Gerichtsverhandlung öffentlich stattfand und zwang so die Gesellschaft, hinzusehen.
Die toxische Scham, die durch solche Erlebnisse verursacht wird, hindert viele Betroffene daran, ein befreites Leben zu führen. Hier kann therapeutische Unterstützung helfen, sich von diesen tief verwurzelten Gefühlen zu befreien.
Jeder Mensch hat ein anderes Schamempfinden. Manche Menschen scheinen sich für nichts zu schämen, während andere für fast alles Scham empfinden. Unsere persönliche Schamgrenze ist individuell und veränderbar. Ein gesundes Maß an Scham hält uns jedoch davon ab, in der Öffentlichkeit unangemessen zu handeln oder uns in riskante Situationen zu begeben.
Es gibt zahlreiche Beispiele, wofür sich Menschen schämen:
Manchmal ist Scham auch eine Reaktion auf Fehlverhalten, das wir bedauern und gerne rückgängig machen würden. Dann wandelt sich das Gefühl von Scham in Schuld, die uns dazu motiviert, uns zu entschuldigen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Scham äußert sich oft körperlich – durch Röte im Gesicht, beschleunigten Herzschlag, zittrige Hände, Schweißausbrüche und/oder Schwindelgefühle. In solchen Momenten möchte man am liebsten im Boden versinken oder unsichtbar werden. Man fühlt sich vor anderen bloßgestellt und hat die Vorstellung, dass alle über einen lachen.
Wenn dir vieles peinlich ist oder du Dinge aus Angst vor Misserfolg vermeidest, erinnere Dich daran, dass du selbst die Schamgrenzen festlegst und somit auch die Möglichkeit hast, sie zu verschieben.
Diese Tipps können helfen, deine Scham zu überwinden:
Du bist gut, und du bist genug.
Quelle: sinnsucher.de
Gesunde Scham schützt uns, wahrt unsere persönlichen Grenzen und hilft uns, unsere Intimität zu wahren. Doch wenn Scham zu übermäßigen Ängsten führt oder zu sozialer Phobie, hindert sie uns daran, uns frei zu entfalten.
In solchen Fällen ist es ratsam, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen und bei Bedarf Unterstützung zu suchen.
Bei Interesse an weiterer Unterstützung oder einfach einem Gespräch stehe ich gerne zur Verfügung.
In diesem Sinne, vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.