Angst ist eine der intensivsten Emotionen, die wir als Menschen erleben und sie spielt sowohl eine schützende als auch eine einschränkende Rolle. Aber wie genau entwickelt sich Angst? Ist es möglich, Angst gezielt zu erlernen?
Diese Fragen standen Anfang des 20. Jahrhunderts im Fokus des amerikanischen Psychologen John B. Watson, einem der führenden Vertreter des Behaviorismus. Watson und seine Kollegin Rosalie Rayner wollten nachweisen, dass menschliche Emotionen, insbesondere Angst, durch konditionierte Reize gezielt hervorgerufen werden können.
Das Ergebnis ihrer Forschungen, das sogenannte "Little-Albert-Experiment", wurde zu einem Meilenstein der Psychologie und ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten.
Doch was genau geschah damals, und welche Erkenntnisse können wir daraus für die moderne Psychologie ableiten?
Das Verständnis darüber, wie Angst konditioniert werden kann, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu effektiven Methoden, um diese wieder zu entkonditionieren. Das Experiment von Watson und Rayner ist die Basis für viele therapeutische Ansätze, die darauf abzielen, Menschen zu helfen, mit ihren Ängsten besser umzugehen.
Um das Little-Albert-Experiment zu verstehen, sollten wir uns zunächst mit den Personen beschäftigen, die dieses Experiment durchgeführt haben. John B. Watson war ein Pionier des Behaviorismus, einer psychologischen Strömung, die sich auf das beobachtbare Verhalten statt auf innere, schwer messbare mentale Prozesse konzentrierte.
Im Wesentlichen geht es im Behaviorismus darum, dass wir das menschliche Verhalten formen oder trainieren können. Für Behavioristen haben innerpsychische Vorgänge keine Bedeutung. Alles, was für sie relevant ist, ist das beobachtbare Verhalten.
Watson arbeitete eng mit Rosalie Rayner zusammen, seiner Assistentin und späteren Lebensgefährtin. Rayner war maßgeblich an der Durchführung des Experiments beteiligt und teilte Watsons Überzeugung. Ihre Forschung fand in den frühen 1920er Jahren an der "Johns-Hopkins-Universität" in Baltimore (USA) statt und gehört zu den umstrittensten und am meisten diskutierten Studien in der Geschichte der modernen Psychologie.
„Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter, gesunder Kinder und meine eigene, von mir entworfene Welt, in der ich sie großziehen kann und ich garantiere euch, dass ich jeden von ihnen so trainieren kann, dass aus ihm jede beliebige Art von Spezialist wird – ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Kaufmann und, ja, sogar ein Bettler und Dieb, ganz unabhängig von seinen Talenten.“ John B. Watson
Im Mittelpunkt des Experiments stand ein Junge, der unter dem Pseudonym "Little Albert" bekannt wurde. Albert war neun Monate alt, als das Experiment begann. Aus Watsons Aufzeichnungen geht hervor, dass Little Albert der Sohn der Krankenschwester eines Waisenhauses war. Er wurde für das Experiment aufgrund seines ruhigen und etwas gleichgültigen Charakters ausgewählt.
Zu Beginn des Versuchs testeten Watson und Rayner Alberts Reaktionen auf verschiedene Reize, darunter eine weiße Ratte, ein Kaninchen, eine Affenmaske und diverse andere Gegenstände. Der Junge reagierte darauf mit einer gewissen Aufmerksamkeit, gleichzeitig war er emotional aber relativ gleichgültig. Er zeigte lediglich eine gewisse Neugier.
Watson und Rayner versuchten nun, diese neutrale Reaktion in eine Angstreaktion zu verwandeln. Dazu kombinierten sie den Anblick der weißen Ratte mit einem lauten, unangenehmen Geräusch, das durch das Schlagen eines Hammers auf eine Eisenstange erzeugt wurde. Das Geräusch erschreckte Albert jedes Mal zutiefst. Diese Kombination wiederholten sie mehrmals. Immer wenn Albert die Ratte sah und damit spielen wollte, folgte das laute Geräusch. Schon nach sieben Durchgängen begann Albert, bereits beim bloßen Anblick der Ratte Angst zu empfinden – selbst wenn kein Geräusch ertönte. Die ursprünglich neutrale Ratte war für ihn zu einem angstauslösenden Reiz geworden.
Die emotionale Konditionierung war erfolgreich. Albert begann zu weinen und sich von der Ratte abzuwenden, sobald er sie sah. Darüber hinaus bemerkten Watson und Rayner, dass sich die Angstreaktion auch auf andere ähnliche Objekte übertrug, wie etwa auf ein Kaninchen, einen Hund oder sogar eine pelzige Jacke.
Diesen Prozess der Übertragung einer konditionierten Reaktion auf ähnliche Reize bezeichnete Watson als Generalisierung – ein zentrales Ergebnis des Experiments.
Diese Vorgehensweise zeigt, wie effektiv und zugleich einfach emotionale Konditionierungen durchgeführt werden können. Die mehrfach wiederholte Kopplung von einem neutralen Reiz (der Ratte) mit einem unangenehmen Reiz (dem Geräusch) führte zu einer dauerhaften emotionalen Veränderung bei Albert. Das Experiment macht deutlich, dass es nur wenige Wiederholungen braucht, um starke emotionale Reaktionen hervorzurufen, die sich auf ähnliche Reize übertragen.
Die Ergebnisse des Little-Albert-Experiments waren aus damaliger Sicht bahnbrechend. Watson und Rayner konnten empirisch zeigen, dass es möglich ist, gezielt Angst bei einem kleinen Kind zu erzeugen, indem ein neutraler Reiz wiederholt mit einem negativen Stimulus gekoppelt wird.
Diese Erkenntnisse hatten weitreichende Konsequenzen für das Verständnis menschlicher Emotionen. Sie zeigten, dass emotionale Reaktionen – in diesem Fall Angst – durch äußere Reize erlernt werden können, und widerlegten damit die Annahme, dass alle Emotionen angeboren sind.
Watson und Rayner argumentierten, dass viele unserer emotionalen Reaktionen auf Erfahrungen und Konditionierungen in der frühen Kindheit zurückzuführen sind.
Auch wenn die Ergebnisse wissenschaftlich beeindruckend waren, blieb das Experiment nicht ohne Kritik – insbesondere aus ethischer Sicht. Aus heutiger Perspektive waren die ethischen Mängel des Experiments enorm.
Little Albert, ein Kleinkind, wurde absichtlich verängstigt, ohne dass er die Möglichkeit hatte, seine Zustimmung zu geben. Es ist zudem unklar, ob Watson und Rayner jemals versuchten, die konditionierte Angst wieder zu beseitigen.
Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, was mit Albert nach dem Experiment geschah oder ob und wie sich diese Erfahrungen langfristig auf ihn ausgewirkt haben.
Heutzutage wäre ein solches Experiment aufgrund der strengen ethischen Standards, die in der psychologischen Forschung gelten, nicht mehr durchführbar. Die Vorstellung, ein Kind bewusst in Angst zu versetzen, ist aus ethischer Sicht absolut inakzeptabel.
Das Little-Albert-Experiment hatte dennoch langfristige Auswirkungen auf die Psychologie, insbesondere auf die Behandlung von Angststörungen. Watson und Rayners Arbeit zeigte nicht nur, dass Angst konditioniert werden kann, sondern lieferte auch die Basis für spätere verhaltenstherapeutische Ansätze zur Angstbewältigung.
Eine Methode, die aus diesen Erkenntnissen hervorging, ist die
systematische Desensibilisierung, bei der Menschen langsam und in kontrollierten Schritten an ihre Angstobjekte herangeführt werden, um ihre Reaktionen abzuschwächen. Auch die sogenannte
Konfrontationstherapie, bei der Patient direkt mit angstauslösenden Reizen konfrontiert werden, baut auf den Ergebnissen des
Little-Albert-Experiments auf. Diese Techniken sind heute integraler Bestandteil der Verhaltenstherapie und helfen vielen Menschen weltweit, ihre Ängste zu überwinden.
Das Experiment zeigt, dass Angst eine erlernte Reaktion ist und damit auch verlernt werden kann. Dies ist eine hoffnungsvolle Botschaft, insbesondere für Menschen, die mit irrationalen Ängsten oder Phobien kämpfen. Millionen von Menschen profitieren heute von den Erkenntnissen, die ursprünglich aus Experimenten wie dem mit Little Albert gewonnen wurden.
Das Little-Albert-Experiment bleibt ein Meilenstein. Gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie Wissen sowohl eine große Macht als auch eine große Verantwortung mit sich bringt.
Im Laufe der Zeit begannen einige Forscher, sich dafür zu interessieren, was aus Little Albert geworden ist. Einer von ihnen war der Psychologe Hall Beck. Er befasste sich mit Watsons Aufzeichnungen und studierte weitere Dokumente. Schließlich fand er den Jungen und veröffentlichte im Jahr 2009 seine Erkenntnisse. Darin stellt er fest, dass Little Albert in Wahrheit Douglas Merritte hieß. Er litt seit seiner Geburt an Hydrozephalus („Wasserkopf“) und verstarb im Alter von sechs Jahren. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurden alle Arbeiten und Werke von Watson in Frage gestellt. Außerdem erschien das Experiment in einem noch schlechteren Licht als bereits zuvor, da Watson ein behindertes Kind dazu benutzt hatte, seine Theorie zu beweisen.
Russell A. Powell, ein Psychologe der Grand McEwan Universität in Kanada, stellte daraufhin Becks Schlussfolgerungen in Frage. Er begann damit, eigene Nachforschungen anzustellen und veröffentlichte seine Ergebnisse im Jahr 2012. Nach seiner Meinung war Little Alberts richtiger Name William Albert Barger. Er war ein normales Kind, verbrachte ein gesundes Leben und verstarb im Alter von 88 Jahren. Barger war zu Lebzeiten dafür bekannt, eine große Angst vor Hunden zu haben.
Sowohl Becks als auch Powells Hypothesen sind durchaus fundiert, allerdings ist keine von beiden letztlich schlüssig. Little Alberts Geschichte bleibt bis heute unklar.
In der wissenschaftlichen Welt entwickelte sich eine gewisse Abneigung gegen John Watson persönlich. Er wurde dafür kritisiert, dass er sich von seiner Frau scheiden ließ, nachdem er eine Affäre mit Rosalie Rayner hatte. Sie war seine Studentin, die außerdem als seine Assistentin tätig war.
Rosenkrieg und Scheidung, schafften es auf die Titelseiten der Tagespresse von Baltimore. Intime Passagen aus den Liebesbriefen Watsons fanden ihren Weg in die Presse. Dieser Skandal war Negativ-PR für die Universität. Ihr Präsident fürchtete um den Ruf seiner Anstalt und legte dem Star-Professor Watson daher nahe, seine Professur aufzugeben, was dieser dann auch tat. John Watson wurde auch aus der Schule der Behaviorismus ausgeschlossen. Außerdem wurden ihm alle akademischen Grade entzogen.
Damit war die wissenschaftliche Karriere für ihn gelaufen. Watson heiratete Rayner, arbeitete bis 1945 als Werbepsychologe und schrieb "Erziehungsratgeber". In ihnen sprach er sich für einen robusten Umgang der Eltern im Kinderzimmer aus. Die "Ratgeber" verkauften sich extrem gut.
Der Tenor: Mutterliebe und Liebkosungen machen die Kinder zu weich für die Welt. Watson forderte, dem Kind solle die Mutterliebe entzogen werden, noch bevor es sieben Jahre alt wird. Denn Mutterliebe mache angeblich das Kind abhängig und hindere es daran, die Welt zu erobern. Seiner Ansicht nach schränken übermäßige Liebkosungen das psychische Wachstum ein und behindern spätere Erfolgschancen. Keine Mutter solle ihr Kind auf den Schoß nehmen. Es sei auch von Übel, sich zu sehr an vertraute Personen zu gewöhnen. Die Mütter könnten durchaus gewechselt werden. Das Kind solle möglichst viel allein gelassen werden.
Watson hatte mit Rosalie Rayner zwei Kinder, die beide streng behavioristisch erzogen wurden. Beide Kinder versuchten als Erwachsene, sich das Leben zu nehmen. William, dem älteren von beiden, gelang dies auch.
Aus dieser, heute verstörenden Haltung Kleinkindern gegenüber ist das "Little Albert-Experiment" erwachsen.
Watson und Rayner haben sich dabei sogar filmen lassen. Der Film zeigt, wie sie einem elf Monate alten Baby Furcht beibringen. Die Aufzeichnung ist erhalten. Jeder Psychologiestudent auf der Welt kennt sie.
Unter dem Stichwort "Baby Albert" findet es sich leicht bei Youtube.
Quelle: Gedankenwelt.de wissenschaftswelle.de wikipedia.org
In diesem Sinne,
vielen Dank und viele Grüße,
Richard
P. S. Die maskuline Schreibweise dient ausschließlich der besseren Lesbarkeit. Angesprochen sind selbstverständlich immer alle Geschlechter.